Urlaub beginnt bekanntlich nicht immer mit Entspannung. Manchmal beginnt er mit einem Wecker um fünf Uhr morgens, viel zu wenig Schlaf und der leisen, aber beharrlichen Frage: Warum genau haben wir das eigentlich so geplant?
Es ist also fünf Uhr, der Wecker klingelt – eigentlich eine für mich ganz normale Zeit zum Aufstehen. Wäre da nicht der Umstand, dass wir am Vorabend noch in der Philharmonie eine wunderbare Geburtstagsfeier zum 75. von Wolfgang Niedecken miterleben durften. Ein großartiger Abend, musikalisch wie emotional, der allerdings erst gegen 1:30 Uhr mit unserer Rückkehr endete. Abgerundet wurde das Ganze durch einen erneut schlecht organisierten Schienenersatzverkehr.
Das Ergebnis: Es ist sehr früh, der Schlaf sehr kurz und die Motivation irgendwo zwischen Urlaub! und Ich bleibe einfach hier. Trotzdem läuft das morgendliche Pflichtprogramm erstaunlich routiniert ab. Der Körper wird gewaschen, befrühstückt und reisefertig gemacht, das Gepäck gepackt, der Weg zum Bahnhof eingeschlagen. Urlaub kennt kein Erbarmen.
Um 6:22 Uhr erreichen wir den Bahnhof Weilerswist, gerade in dem Moment, als irgendein Zug Richtung Köln einfährt. Wenig später stehen wir – wie so oft – am Kölner Hauptbahnhof. Rückblickend wäre es vermutlich klüger gewesen, das Gepäck schon am Vorabend mitzunehmen und irgendwo vor Ort zu übernachten. Aber wie immer gilt: Nachher ist man schlauer – Phrase Nummer eins des Tages, weitere folgen.
Unser Zug nach Norddeich Mole kommt fast pünktlich, in der richtigen Wagengreihenfolge und mit den passenden Waggons. Wir nehmen unsere reservierten Plätze ein, die Fahrt beginnt. Es fallen noch ein, zwei nette Sätze mit Tanja, dann meldet sich der Schlaf zurück. Ich bin wieder weg – schnarchend im Traumland, mitten im IC.
Spätestens im Duisburger Hauptbahnhof endet dieses kurze Glück abrupt. Ein Honk klopft laut gegen die Scheibe, um winkend jemanden vor uns zu verabschieden. So laut und unerwartet, dass sämtliche Träume sofort das Weite suchen. Ich bin wach. Endgültig.
Die Bahnfahrt verläuft ansonsten erfreulich ruhig – bis Meppen. Dort steigt ein älterer Herr ein und setzt sich hinter uns. Er kommentiert fortan jede Handlung seines Umfelds. Phrasen prasseln über uns hinweg wie Frühlingsregen: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Ich denke nur noch an mich – dann denkt wenigstens einer an dich.
Ihm gegenüber sitzen zwei Damen, und schnell entfaltet sich eine lautstarke Unterhaltung über die Rente, immer wieder über Hotels in Swinemünde und im Harz, darüber, dass er gerade zu Bekannten nach „Greetesiel“ unterwegs sei und dass seine Frau mit ihm nicht mehr in Urlaub fahren möchte.
Nach etwa einer Stunde dieser akustisch sehr präsenten Lebensbilanz komme ich zu der Erkenntnis, dass seine Frau vermutlich nicht einmal mit seinem Dauerkommentar-Leben zusammenleben möchte. In Emden verlässt er schließlich den Zug. Die beiden Damen beginnen nun ihrerseits, über ihn und seine Phrasen zu lästern. Das sprichwörtliche Schwein wäre damit wohl für heute gefüllt.
Wir erreichen Norddeich Mole, unsere Zugfahrt endet, und die Fähre nach Norderney wartet bereits. Die Überfahrt dauert etwa 45 Minuten, das Meer ist ruhig, der Kopf langsam auch. Nachdem wir den richtigen Bus gefunden haben, erreichen wir gegen 14:00 Uhr unsere Ferienwohnung in der Karlstraße.
Alles wird ausgepackt, und schon beginnt unsere erste kleine Erkundungstour. Wir wohnen nur etwa 200 Meter vom Strand entfernt – also nichts wie hin. Nach einer guten Stunde erreichen wir die Innenstadt, finden einen Lebensmittelladen, ergänzen unsere Frühstücksvorräte und kehren schwer bepackt, aber zufrieden zur Ferienwohnung zurück.
Ein kleiner Schönheitsschlaf ist anschließend unumgänglich – die morgendliche Duisburger Fensterscheibenattacke fordert nun verspätet ihren Tribut.
Am frühen Abend wache ich wieder auf, und wir starten zu unserer zweiten Wanderung durch den Ort. Diesmal ganz entspannt, mit offenen Augen und der Suche nach einem kleinen Restaurant für das Abendessen. Dabei entstehen auch die ersten Bilder des Tages, und eines davon wird später ziemlich sicher unserer Freundin „Wiki‑Marion“ gefallen. Eine Kreidetafel vor einem Hotel, philosophisch wie pragmatisch zugleich: Solange der letzte Strohhalm, an den man sich klammert, in einem Aperol Spritz steckt, geht’s noch.
Allein dafür lohnt sich so ein Spaziergang schon.
Nach über einer Stunde landen wir schließlich in einem italienischen Restaurant, exakt 30 Meter neben unserer Ferienwohnung. Nicht günstig, aber ausgesprochen köstlich. Manchmal liegt das Gute eben wirklich direkt vor der eigenen Haustür.
Zum Abschluss des Tages geht es noch einmal an den Weststrand, um den Sonnenuntergang anzusehen. Er ist großartig, fast wolkenlos – bis auf diese eine Wolke. Genau diese eine Wolke, die mich sofort an meinen Fotofreund Frank Loddenkemper denken lässt. Er hat sie gefühlt auf jedem seiner Bilder. Jetzt habe ich sie selbst gesehen.
Kaum ist die Sonne verschwunden, setzt Bewegung ein. Die Menschen machen sich auf den Rückweg – und zwar geschlossen, zielstrebig und erstaunlich synchron. Es erinnert ein wenig an die Lemminge aus dem gleichnamigen Computerspiel der 90er Jahre: Alle folgen demselben unsichtbaren Pfad zurück Richtung Ort, hinein ins beginnende Nachtleben, in Bars, Kneipen und Musik.
Wir hingegen entscheiden uns für die entgegengesetzte Richtung. Zurück zur Ferienwohnung, zurück zur Ruhe, zurück zu einem warmen Tee. Der Trubel darf heute gerne ohne uns stattfinden.
Später liegen wir im Bett, mit dem beruhigenden Wissen, dass morgen kein Wecker klingelt. Der Körper ist müde vom frühen Start, vom Reisen und vom Laufen. Der Kopf dagegen ist angenehm leer – ein Zustand, der sich sonst oft erst nach mehreren Urlaubstagen einstellt.
So endet Tag eins auf Norderney: mit salziger Luft, schweren Beinen, gutem Essen im Bauch und dem sicheren Gefühl, genau richtig angekommen zu sein. Was morgen kommt, wissen wir noch nicht – und genau das ist vielleicht das Beste daran.





































Kommentare
Ich wünsche Euch einen wundervollen Urlaub mit schönen Motiven.
LG Uta
Eigentlich fahr ich sehr gerne mit der Bahn, wenn es nicht gerade in Deutschland ist.